Metro Gallery - Zurich, Switzerland


 

                       

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15 September - 26 November 2011
Bob Ross made me do it!
DANIEL CHERBUIN


Vernissage: Donnerstag, 15. September 2011, ab 18h00 
 
In Anwesenheit des Künstlers.


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PRESS RELEASE (PDF)

ARTIST INFO

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Mit "Bob Ross made me do it" setzt Daniel Cherbuin sein eigenwilliges Schaffen fort, wobei seine neuen Werke komplexer sind. In seinen popartigen Bildern, die collagenhaft mit Monitoren bestückt sind, stecken hochverzwickte Bedeutungssysteme und mannigfaltige Codierungen, die sich dem Betrachter erst allmählich erschliessen. Charakteristisch sind die virtuosen, aus Foundfootage gefertigten Filme, die Zitate früher Popart, die Verwendung kurrenter Bilder aus dem kollektiven Bewussten der Populärkultur, sowie der selbstbewusste Humor. Ein Humor, der sich ebenso in listigen Anspielungen niederschlägt wie in Form krachender Kalauer.

HUMOR KALAUER POINTE

Kalauer ist, wenn eine Anzeige mit dem Foto eines Sixties-Pin-ups, über dem der Schriftzug „After Hours“ prangt, dort, wo der After wäre, mit einer Kopfhörerbuchse versehen ist. „PLUG IT IN!“, der Titel des Werkes, dreht den Kalauer noch einen Zahn weiter. Die fröhlichen Ausrufezeichen-Rebellionen der sexualisierten Sixties von „Be in!“ über „Sleep in!“ bis zu „If it feels good, do it!“ gerinnen hier zum persiflierenden „Steck es rein“. Dank der Populärrezeption von Freud ist die sexuelle Konnotierung ebenso offensichtlich wie ihr Charakter als Ersatzhandlung. Das Einführen eines Kopfhörersteckerpfropfens in eine Buchse ist eine Ersatzhandlung und verweist damit auf das Wesen von Poster-Pinups: Sie wecken Wünsche und Begehren, deren Befriedigung stets ausbleiben muss. Damit zitiert Cherbuin nicht nur den kommerzialisierten Sexus der Sixites, sondern karikiert auch die Kritiken, die damals die falschen Verspechen der Warenästhetik und eine fehlgeleitete Triebökonomie denunzierten.

Nächster Kalauer: Stöpselt man einen Kopfhörerstecker in der Fotografie an einer Stelle ein, die den Anus einer Dame repräsentiert, hat man – so man Fotografie für bare Münze nimmt – einen Fremdkörper in ihr Rektum eingeführt. Im Kopfhörer läuft dann der Wikipedia-Text „Fremdkörper in Anus und Rektum“, der sich um wissenschaftliche Tonalität bemüht, in seiner anekdotenhaftigkeit aber hochkomisch ist.

CAPRI VS. NAPOLI

Zum Kalauer gerät auch Cherbuins Aneignung von Beuys Multiple „Capri-Batterie“. Während eines Italienaufenthaltes steckte Beuys die Drähte einer Fassung mit gelber Glühbirne in eine Zitrone und nannte das Werk „Capri-Batterie“, weil die Säure der Zitrone, wären die Stecker aus Kupfer und Zink, theoretisch Strom liefern könnte. Bei Cherbuin wird daraus eine rote Glühbirne, deren Fassungsdrähte in einer Tomate stecken. Das Werk heisst kongenial „Napoli-Batterie“ und überbietet damit Beuys banale Genialität. Wobei bei Cherbuin kein Multiple entsteht. Die „Napoli-Batterie“ ist auf einem TV-Schirm zu sehen, vor dem Beuys sitzt. Beuys charakteristische, stets als Marke wieder erkennbare Person, wird darin zur Chiffre des Kunstkanons interessierter TV-Konsumenten - die „Capri-Batterie“ wird Anlass für einen Kalauer und gleichzeitig Prüfstein für Beuys Diktum, dass jeder ein Künstler sei.

Genau darin liegt die Pointe der Kalauer: Sie treiben der zeitgenössischen Kunst das Hehre aus. Sie entlarven den ganzen aufgeblasenen Betrieb als Popanz. Sie spotten, aber stets unter Verwendung des Arsenals und des Formenvokabulars des Metiers, kurzum, Cherbuins Kalauer sind stets nach allen Regeln der Kunst gefertigt.

ZITAT ODER: SCHAU ZURÜCK

Der Deutungsreichtum von Cherbuins Werken ergibt sich aus der Fülle verspielter Zitate und Querverweise, die sich in ihnen versteckt. In „Look Back“ etwa sehen wir ein Comicbild (wie sie der frühe Roy Lichtenstein zitierte), in das Aufnahmen des alten Andy Warhol hinein montiert sind, der weisse Papierblätter fallen lässt. Warhol zitierte damit Bob Dylan, der in Pennebakers Dokumentarfilm „Don’t look back“ beschriebene Blätter mit Schlüsselwörtern aus seinem Song „Subterranean Homesick Blues“ fallen lässt. Im Gegensatz zum bedeutungsschwangeren Dylantext sagt Warhol mit seinen weissen Blättern: Nichts. Auf den ersten Blick. Weil er aber durch das Zitat mit Dylan verbunden ist, beginnen die weissen Blätter zu sprechen. Genau so wie Cherbuins Werk schaut man zurück : Was jedes Zitat tut, als Zitat eines Zitates, das in ein Popart-Zitat, das einen Comic zitiert, hinein montiert ist, Bände spricht.

DER FALL DORA

Noch vertrackter ist das Werk „But you’re still Ida Bauers as far as I can see“. Die titelgebende Zeile entstammt dem Lennon Song “Working Class Hero” und heisst im Original “But your still fucking peasants as far as I can see”. Aus dem englischen “peasant” wird das deutsche „Bauer”. Nun ist Ida Baur der Klarname eines der berühmtesten Fälle der Psychoanalyse, nämlich Freuds „Fall Dora“, dem Musterbeispiel einer „hysterischen Verschiebung“. Typisch freudianisch ist schon der Sprung von „peasant“ zu „Ida Bauer“. Und auf dem Werk sehen wir die Grafik eines Kopfs, der mittels Linien mit einem symbolischen Kreis verbunden ist oder interagiert. Auch das Spiel zwischen den Bild- und Bedeutungsebenen, die über den Kreis und die Kopfgrafik flimmern, passt prächtig zu Freud und dem Fall Dora. Eine prominente Rolle spielt in der gezeigten Foundfootage die Comicfigur „Wonderwoman“, die in der Kunst von Dara Birnbaum zur feministischen Ikone erklärt wurde. Zwischen Dora und Dara wiederum liegt nur eine Mikrovokalverschiebung und die feministische Optik Birnbaums würde gut in den Reigen all der Kritiken passen, die heute Freud sowohl als Analytiker, wie auch als Theoretiker des Falles Dora demontieren.

Dass wir trotzdem alle stets auch in vulgärfreudianischen Theoremen denken und ausserdem dies und jenes „verschieben“, das ist die eine Pointe des Titels. Die andere: All die Anspielungen und Querverweise, die wir zu entdecken glauben, sind meist arbiträr und verweisen - freudianisch gesehen - mehr auf unsere seelische Disposition als auf etwas, was tatsächlich im Werk ist. Und sowieso, es geht auch ohne, gerade bei Cherbuin, dessen Werke ästhetisch bestechen, auch wenn man nichts weiter in sie hinein interpretiert. Ja, die wilden Assoziationsketten, die in Titeln und Bildern wie Fallen ausgelegt sind, nehmen die Verschlossenheit so mancher Gegenwartskunst aufs Korn, die vorgibt, ein versierter Betrachter müsse jede noch so abwegige Konnotation lesen können, ansonsten das Verdikt des Banausentums dräue. Unsinn! Muss er nicht. Muss er, speziell bei Cherbuin nicht, dessen Arbeiten auch so funktionieren und nur als Extra etwas mehr verborgen halten.

SENDER REZIPIENT

Ein Paradebeispiel wie eine verspielte Cherbuin-Skulptur sich mit überlagernden Bedeutungsebenen auflädt ist „Sender und Rezipient II“. Die Arbeit besteht aus drei weltbekannten Bildern:

-Die Familie Obama beim Fernsehschauen.
-Obama und seine Regierung, wie sie den Einsatz gegen Bin Ladin in einer Kommandozentrale verfolgen.
-Und Bin Ladin, der in seinem pakistanischen Versteck fern sieht.

Cherbuin montiert in Bin Ladins Fernseher einen Monitor, auf dem ein alter Technicolor-Trickfilm des „American Petroleum Institute“ zu sehen ist, der Ausserirdischen die Segnungen der Öl-Industrie erklärt. Die Fallhöhe erzeugt Komik: Hier der gefürchtete Finsterling und Terrorfürst, da der alte Trickfilme über die Vorteile Öl-basierter Gesellschaften.

Nun lässt sich die Skulptur so aufstellen, dass Obama entweder privat im Kreise der Familie zusieht, wie Bin Ladin Trickfilme schaut. Oder aber, man dreht den Block um 180 Grad, so dass Obama und die USRegierung Bin Ladin über die Schulter schauen.

Das Verhältnis Bin Ladin - USA ist hier so, dass Bin Ladin, der betrachtet wird, der Inhalt der Sendung ist, die von der USA rezipiert wird. Nun war Bin Ladin auch Sender entführter Flugzeuge, die die USA als Rezipienten trafen. Auf dem Bild mit seiner Regierung ist Obama dann der Sender der Navy Seals, die wiederum Bin Ladin zum Rezipienten tödlicher Kugeln machten.

PRIVAT VS. ÖFFENTLICH

Der Block mit Obama als Privatperson und als Präsidenten verweist sodann auf die Unterscheidung der öffentlichen und der privaten Sphäre und straft die Unterscheidung gleichzeitig Lügen. Wir alle sind medienbewusst genug, um zu wissen, dass keine zufälligen Schnappschüsse eines US-Präsidenten mit seiner Familie entstehen. Das, was sich als privat ausgibt, ist immer öffentlich. Genauso wie das Foto, das Bin Ladin vor dem TV zeigt, zwar Privatheit im trauten Heim vorgaukelt, aber ebenfalls das Ziel verfolgt haben dürfte, damit einer Öffentlichkeit etwas mitzuteilen.

Umgekehrt war die Aufnahme der US-Regierung, die rezipiert, wie Bin Ladins Versteck gestürmt wird, im Moment, als es geschossen wurde, nicht-öffentlich. Wäre die Mission fehlgeschlagen, das Bild wäre nicht veröffentlicht, wir nicht zu seinen Rezipienten geworden. Einen weiteren Doppelcharakter hat die Skulptur, da sie zugleich interaktiv und interpassiv funktioniert. Interaktiv, weil man entscheiden muss, ob der private Familien-Obama oder der US-Präsident Bin Ladin zuschaut. Interpassiv (nach Robert Pfaller), weil nicht wir Bin Ladin beim Sehen eines Trickfilms zusehen, sondern das durch Foto-Obama - sei’s privat oder als Präsident - vornehmen lassen können: So wie ein Videorekorder an unserer Stelle Fernsehen sieht.

THEORIE UND PRAXIS

Das Schlüsselwerk „Theorie & Praxis“ präsentiert sich als bürgerliche Stube mit einer blonden Dame unter einem Kronleuchter. Im TV-Apparat läuft die vierstündige Lern-DVD „How to look at and understand great Art“. In einem Bilderrahmen über dem TV sehen wir einen Loop, in dem der populäre Kunst-Instruktor Bob Ross erklärt, wie man Bilder malt. Der Titel „Theorie und Praxis“ klingt nach marxistischen Seminaren, im Kopfhörer spricht dialektisch in einem Ohr Bob Ross über Praxis, derweil das andere Ohr Theorien hört, wie das, was Kunstpraxis schafft, anzusehen und zu verstehen sei.

Beide Beispiele zeigen, wie in Sachen Kanonbildung, Kunstvermittlung und Kunstrezeption das Fernsehen den Museen den Rang abgelaufen hat. Kunst und Künstler kennen wir eher aus dem TV oder dem Internet als real. Nun kehrt Cherbuin diesen Prozess wieder um, in dem die dominanten TV-Bilder zurück gebunden und wieder Bestandteil eines Tafelbildes werden, das in einer Galerie hängt.

BOB ROSS IST SCHULD

Inhaltlich steht Bob Ross, bei dem man via TV ein wenig Kunsthandwerk erlernen kann, für Dilettantismus. Und dahin weist auch der selbstironische Titel der Ausstellung „Bob Ross made me do it“. „Bob Ross made me do it“ ist entschuldigend. „Bob Ross made me do it“ ist die Antithese zum Wichtigkeits-Gestus, mit dem so viele Künstler sich und ihr Werk zu adeln suchen. „Bob Ross made me do it“ meint: Wenn der sagt, das kannst du auch, dann probiere ich’s halt.

Allerdings schwingt dabei positiv das Beyus-Diktum „Jeder ist ein Künstler“ mit. Sowie die Praxis der Gegenwartskunst, gemäss der ein Künstler weder malen noch zeichnen, sondern bloss aufregende neue ästhetische Konzepte vorlegen können muss. Und – wie Cherbuin – ein Tafelbild nicht selber malt, sondern malen lässt oder appropriiert. Wobei Cherbuin ja eben kein Dilettant ist, sondern ein ausgebildeter Profi mit fundiertem Wissen in Sachen Technologie, ein hochorigineller Arrangeur und Monteur von Filmen, also ein Künstler, der seine Kunstkonzepte selber umsetzen kann, einer, dessen Werke aus dem Kanon schöpfen und ihn dabei stets erweitern, kurzum: Ein Gegenwartskünstler sui generis, dessen Schaffen sich wohltuend vom konformen Blöken der Artisten-Herde absetzt.

- Thomas Haemmerli


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